Nahtlose Zusammenarbeit

Der schwäbische Wäschehersteller ESGE will die Textilproduktion in Indien nachhaltiger und effizienter gestalten und gleichzeitig seine hohe Warenqualität sichern. Das develoPPP.de-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) leistet die notwendige Unterstützung: Im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft mit der sequa gGmbH richtete ESGE in den Räumlichkeiten seiner indischen Tochterfirma eine Lehrwerkstatt ein.

Die Kooperation mit einem lokalen Textilcollege sorgt dabei für die richtige Balance zwischen Theorie und Praxis und bringt so den dualen Ansatz nach Südindien – ganz nach deutschem Vorbild. In einem zweiten Projekt entwickelten die Partner ein Qualifizierungsprogramm für Logistik und Materialwirtschaft, das insbesondere die Zusammenarbeit mit Zulieferbetrieben erleichtern soll.

Gut ausgebildete Fachkräfte im Textilbereich sind in Indien schwer zu finden. Ausbildungsgänge sind veraltet und praxisfern. ESGE startete daher ein Ausbildungs- und Trainingsprogramm am Standort Tirupur.

„Normalerweise muss eine Näherin in Indien schon nach einer Woche Einarbeitung im normalen Betrieb mitarbeiten können“, erklärt ESGE-Chef Christian Maag. „Bei uns ist das anders: Wir versuchen eine Art Mini-Lehre durchzuführen, um flexible, bessere Arbeitskräfte zu erhalten. Das kostet trotz der Unterstützung durch die sequa erst einmal Geld, bringt unserer Firma aber langfristig einen Vorteil: Gerade in einem Bereich, in dem um gute Arbeitskräfte konkurriert wird, muss man sich Mühe geben um sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen. Es ist also letztlich um einiges günstiger, die Leute fair zu behandeln und gut zu qualifizieren.“

Beim Tochterunternehmen „Bodyland“ wurden praxisnahe Mitarbeiter-Trainings eingeführt, etwa zum Umgang mit diversen Nähmaschinentypen oder neuen Stoffen. Daneben gibt es Schulungen zu Arbeitssicherheit, Qualitätskontrolle und Maschinenkunde.

Für die Trainings wurden als eine Art betriebliche Lehrwerkstatt 20 neue Arbeitsplätze eingerichtet. „Es ist wichtig, dass wir unser Wissen effizient und strukturiert weitergeben“, sagt Qualitätsmanagerin Ingrid Wagner. „Je kompetenter und teamorientierter die Leute sind, desto weniger müssen wir vor Ort sein.“

Um den Umgang mit speziellen Schneidegeräten zu erlernen, werden Mitarbeiterinnen wie Jayakodi Kumaravel mehrere Monate lang geschult. Das Tragen von Schutzkleidung wie etwa Kettenhandschuhen ist dabei mindestens genauso wichtig wie die technische Bedienung der Maschinen.

„Ich war zehn Jahre lang bei einer anderen Textilfirma hier in Tirupur“, erzählt Kumaravel, „dort wurde nur mit Scheren gearbeitet. Hier bei Bodyland wurde ich drei Monate lang an den Schneidemaschinen trainiert. Dabei wurde uns auch gezeigt, wie wir die Schutzkleidung richtig anlegen und einsetzen.“

Loganathan Tamilarasi ist eine der Trainerinnen bei Bodyland. Eine gute Ausbildung war lange eine Seltenheit in der indischen Textilindustrie – Tamilarasi spricht aus Erfahrung: „In meiner ersten Firma gab es keine Trainer. Ich musste mir den Umgang mit den Maschinen selbst beibringen und es dauerte eineinhalb Jahre, bis ich eigenständig nähen konnte. Hier bei Bodyland ist das anders.“ Inzwischen arbeitet sie selbst neue Mitarbeiterinnen ein.

Christian Maag ist froh, dass er Frauen wie Tamilarasi eine Perspektive geben kann: „Ich freue mich sehr über die weiblichen Beschäftigten, die es bei Bodyland zu Abteilungsleiterinnen gebracht haben“, sagt er. „Diese Frauen haben sich nicht vorstellen können, so etwas zu erreichen. Und darauf sind sie – und wir – zu Recht sehr stolz.“

Ein Kooperationspartner in der Ausbildung ist das NIFT-TEA Knitwear Fashion Institute, das 1997 von der Tirupur Exporters‘ Association gegründet wurde und über 500 Ausbildungsplätze verfügt. Es ist auf dem Weg, das Kompetenzzentrum der indischen Textilindustrie zu werden – nicht zuletzt dank des deutschen Engagements.

Im Rahmen des develoPPP.de-Projektes hielten ESGE-Fachkräfte Vorlesungen am Institut und berieten auch das Lehrpersonal zu fachspezifischen Fragen. Darüber hinaus lud das Unternehmen Studierende zu Praktika in seine indische Produktionsstätte ein. Mit Erfolg: „Von den ehemaligen Praktikanten ist mittlerweile der Großteil bei uns angestellt“, sagt Maag. „Eine klassische Win-Win Situation.“

Durch die Kooperation mit dem College wird der Pool an gut ausgebildeten Fachkräften für den Textilstandort qualitativ und quantitativ erweitert. Neben den ansässigen Unternehmen profitieren aber auch die Studenten selbst: „Der Master hat mir die Chance gegeben, mich gut zu entwickeln, weil er mich viel über die Textilindustrie gelehrt hat“, sagt Agnes Nivetha Nandhini B. über ihr Studium am Institut. „Mir wurde nicht nur der praktische Umgang mit Maschinen und Stoffen beigebracht, sondern auch das Verständnis des geschäftlichen Rahmens. Auch bei der Jobsuche unterstütze mich das College – das ist wirklich ein Privileg“. Gleich nach dem Abschluss fand die Studentin eine Stelle bei einer lokalen Textilfirma.

Die besondere Verbindung von Theorie und Praxis macht das Textilcollege einzigartig in der Region. K.J. Sivagnanam ist stellvertretender Leiter und Professor am NIFT-TEA Knitwear Fashion Institute und vom dualen System überzeugt: „Unsere Kurse kann man nicht mit denen anderer Colleges vergleichen. Wir haben sie nach den Bedürfnissen sowohl unserer Schüler als auch der Industrie konzipiert.“

Die erfolgreiche Partnerschaft mit dem College wurde auch während des zweiten develoPPP.de-Projektes fortgesetzt. Diesmal lag der Fokus auf einem Qualifizierungsprogramm mit Schwerpunkt Logistik und Materialwirtschaft.

Im schnell getakteten Textilmarkt sind Unternehmen auf exakte und zeitnahe Informationen zum Produktionsprozess angewiesen – auch und gerade seitens der Zulieferer, die die Textilproduzenten mit Stoffen, Knöpfen und dergleichen beliefern.

ESGE stattete deshalb fünf Zuliefererbetriebe mit einer eigens entwickelten Informationssoftware aus. Sie findet unter anderem Einsatz auf Spezialgeräten, die dazu dienen, Daten über Liefermenge, -zeitpunkt und -qualität zu erfassen sowie weiterzugeben. Den Umgang mit der Software lernen die Schüler am College.

„Der größte Vorteil der Einführung des Systems bei unseren Zulieferern ist, dass wir planen können, wie lange sie für die Produktion des Materials brauchen“, sagt A. Ponraj. Er ist Managing Director von Bodyland und steht in engem Kontakt zu Christian Maag und dem restlichen ESGE-Team in Deutschland. Für ihn arbeiten rund 400 Mitarbeiter, darunter 275 Frauen.

Auch ESGE-Qualitätsmanagerin Wagner freut sich: „Durch die neue Software sind die Informationen direkt vom Laptop abrufbar und somit auch aus Deutschland tagesaktuell überprüfbar. Die Qualität hat sich dadurch deutlich gesteigert."

Neben einer effizienten Ausbildung setzt Wäschehersteller ESGE auf faire Arbeitsbedingungen. Sivaji Ambika, Mutter von zwei Kindern und seit über vier Jahren bei Bodyland angestellt, erzählt: „Im Vergleich zu meinem alten Arbeitgeber sind die Arbeitszeiten bei Bodyland besser; um 19 Uhr machen wir Schluss. Der Doktor kommt regelmäßig zur Untersuchung vorbei, es gibt weitere medizinische Services und ein Firmenfest einmal im Jahr. Es gibt sogar einen betriebseigenen Kindergarten! Bei meinem alten Arbeitgeber gab es nichts dergleichen.“

Die Projekte in Tirupur haben sich gelohnt. Allein durch Schulungen, optimierte Abläufe und Umstrukturierung konnten einige der beteiligten Zulieferfirmen ihre Produktion von täglich 800 Stück auf 3500 steigern – ganz ohne Neuanschaffung von Maschinen. Und auch die Warenqualität bei ESGE-Tochter Bodyland hat sich deutlich gebessert.

Manager Ponraj fasst zusammen: „Alles verläuft systematischer und genauer, alle unsere Daten werden nun fast „live“ empfangen und weitergegeben – damit ist die Kommunikation mit Zulieferern und Mutterkonzern deutlich effizienter geworden.“ In der Firmenzentrale in Albstadt ist gute Stimmung – denn ESGE produziert in Indien nun fast nur noch „erste Wahl“.

Beide Entwicklungspartnerschaften haben nachhaltige Strukturen geschaffen. Unternehmer Christian Maag ist positiv gestimmt: „Ich denke, dass sich auch nach Abschluss dieses Projektes für uns gar nichts ändern wird. Die Kommunikation zwischen den Projektpartnern geht weiter. Wir haben gerade wieder eine Mitarbeiterin aus Deutschland nach Tirupur entsandt, die dort zwei Wochen lang Fortbildungen abgehalten hat.“

Über develoPPP.de sagt er: „Ich kann das Programm mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Ich habe befreundeten Unternehmern zu einer Entwicklungspartnerschaft geraten und auch schon Kontakte vermittelt.“

Zahlen | Daten | Fakten

0
Personen wurden ausgebildet.
0
%
höhere Arbeitsproduktivität.

Ausbildung

Curricula für die Colleges sowie Schulungs- und Lehrmaterialien wurden erstellt und in den Lehrplan aufgenommen.

Kooperation

Die Kooperation zwischen Colleges und Firmen besteht zum Beispiel über Betriebspraktika über die Projektlaufzeit hinaus.