In der Ruhe liegt die Kraft

Mit seiner geografisch und klimatisch günstigen Lage und den unbelasteten Böden bietet das zentralasiatische Kirgisistan beste Voraussetzungen für den Anbau von Medizinpflanzen und Heilkräutern – Rohstoffe, die auf dem wachsenden europäischen Markt für pflanzliche Arzneien zunehmend nachgefragt werden.

Doch das kirgisische Potenzial bleibt ungenutzt, denn es mangelt im Land an angemessenen Anbau- und Vermarktungsstrategien: Bisher dienen Agrarprodukte hier vorrangig der Selbstversorgung der ländlichen Bevölkerung. Phytopharmaka-Hersteller Dr. Willmar Schwabe hat sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern.

Für die Produktion seiner pflanzlichen Arzneimittel benötigt die Firma Dr. Willmar Schwabe jährlich 100 Tonnen Baldrian höchster Qualität. Daniel Fraas leitet den Zentraleinkauf des Unternehmens. Er weiß, wie wichtig ein einwandfreier Zustand der Ware ist: „Wenn es um die Beschaffung pflanzlicher Rohstoffe geht, ist bei uns der Preis sekundär – wichtig ist die Qualität. Unsere Kunden sind gleichzeitig Patienten; Pestizidrückstände und andere Belastungen im Ausgangsmaterial können wir daher überhaupt nicht vertreten.“

Um die Versorgung mit dem Qualitätsbaldrian auch zukünftig sicherstellen zu können, suchte das Unternehmen nach neuen Anbaugebieten – und stieß so auf Kirgisistan: „Die Böden in Kirgisistan sind nahezu rückstandsfrei,“ erklärt Fraas, „weil dort über Jahrzehnte keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden.“

Da das Karlsruher Unternehmen die besondere Reinheit kirgisischer Böden schätzt, will Dr. Willmar Schwabe das Land als Baldrianquelle erschließen – und damit gleichzeitig die Lebenssituation der Menschen vor Ort verbessern.

„Die Menschen in Kirgisistan leben größtenteils in Subsistenzwirtschaft,“ so Fraas, „und bauen Lebensmittel wie Getreide und Kartoffeln zum eigenen Verbrauch an. Bisher wurden diese nur vereinzelt an den Markt gebracht. Mit der Einführung des Baldriananbaus können wir die Einkommenssituation der kirgisischen Bäuerinnen und Bauern verbessern, da die Wurzeln preislich höher liegen als viele Lebensmittel.“

In einem fremden Land Fuß zu fassen und Strukturen aufzubauen – kein leichtes Unterfangen. Dr. Willmar Schwabe fand Unterstützung bei einer Entwicklungsexpertin: Im Rahmen des develoPPP.de-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stand die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH dem Unternehmen zur Seite.

„Jeder, der sich lange mit der Beschaffung pflanzlicher Rohstoffe beschäftigt, stolpert zwangsläufig über die GIZ,“ sagt Fraas über die Entstehung der Partnerschaft, „denn sie ist in sehr vielen Ländern präsent und gut vor Ort vernetzt, gerade auch im landwirtschaftlichen Bereich.“

Auch ein lokaler Partner wurde mit ins Boot geholt: das auf Pflanzenextrakte spezialisierte Unternehmen Galenpharm, das Kapazitäten für den europäischen Markt aufbauen will.

Geschäftsführer Kosmosbek Cholponbaev erklärt die Situation: „Unser Unternehmen ist auf die Produktion von Heilmitteln spezialisiert, die auch auf pflanzlichen Stoffen basieren. Wir wollen gerne verstärkt nach Europa exportieren, doch oft scheitert ein Vertragsabschluss an den zu kleinen Liefermengen. Durch das develoPPP.de-Projekt bekommen wir die Möglichkeit, diese Mengen zu erhöhen und die Wertschöpfungskette auszubauen. Gleichzeitig können wir effizient mit lokalen Bauern zusammenarbeiten und ihnen so beim Absatz ihrer Produkte helfen – damit hat das Projekt für uns auch einen sozialen Charakter.“

In der Projektregion um den Gebirgssee Yssykköl verfolgten die Partner das Ziel, die ansässigen kleinbäuerlichen Familien zum fachmännischen und nachhaltigen Anbau von Qualitätsbaldrian zu befähigen.

Dafür entwickelte Dr. Willmar Schwabe zusammen mit der GIZ ein Train-the-Trainer-Programm, in dessen Rahmen Mitglieder von kirgisischen Beratungsdiensten zu Baldrian-Experten ausgebildet wurden, die ihr neu erlangtes Wissen dann an die Landwirte weitergaben: Galenpharm mobilisierte rund 1.000 Kleinbäuerinnen und -bauern zur Teilnahme am Trainingsprogramm. Für beste Ergebnisse stellte Dr. Willmar Schwabe für die Trainings zudem hochwertiges Saatgut zur Verfügung.

Denis Krasnojonov ist Verantwortlicher für die Entwicklungspartnerschaft bei der GIZ in Kirgisistan. Ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit war es, für eine optimale Verständigung der Partner zu sorgen: „Wir haben Schwabe und Galenpharm in ihrer täglichen Kommunikation unterstützt. Dabei waren wir nicht nur als Übersetzer tätig, sondern haben vor allem auch kulturelle Barrieren überwunden – eine wichtige Voraussetzung für den Projekterfolg.“

Ein neu eingerichteter Sammelpunkt ermöglicht eine effiziente Weiterverarbeitung der Baldrianernte: Von hier aus werden die Wurzeln zu einem ebenfalls neuen Verarbeitungszentrum gebracht, wo Maschinen zum Waschen und Trocknen des Baldrians installiert wurden – langwierige Handarbeit ist damit passé.

Zusätzlich zur verbesserten Produktionsstrategie öffnen langfristige Lieferverträge neue Türen für den kirgisischen Baldrian: Bis Projektende schlossen etwa 400 Bäuerinnen und Bauern Verträge mit Galenpharm, das sich um den Versand der Wurzeln nach Deutschland kümmert.

„Mit der Firma Schwabe haben wir einen hervorragenden Geschäftspartner gefunden“, findet Kosmosbek Cholponbaev. „Der Vertrag, der zunächst bis 2018 läuft, hat gute Aussicht auf Verlängerung. Das gibt uns eine sehr gute Perspektive für die Zukunft. Aus diesem Grund haben wir angefangen, eine eigene Produktionsbasis zu entwickeln. Außerdem planen wir, eine Genossenschaft zu bilden, um weiterhin stabile Liefermengen hochwertigen Baldrians sicherzustellen. Den Mitgliedern wollen wir dann auch die agrotechnischen Beratungsdienstleistungen anbieten und so das Baldrian-Know-how weiter in der Gegend verankern.“

Beim develoPPP.de-Projekt wurde besonders viel Wert auf Gleichberechtigung und die Selbstständigkeit von Frauen gelegt. Nasira Asanalieva ist eine der vielen Bäuerinnen, die durch die Trainings ihr Einkommen deutlich steigern konnten.

Bereits im ersten Baldrian-Jahr bemerkte sie die Vorteile des Baldriananbaus: „Mit dem Anbau von 2000 Baldrianwurzeln habe ich einen Nettogewinn von 20.000 KGS erzielt. Im Vergleich dazu konnte ich auf der gleichen Fläche nur 300 kg Kartoffeln anbauen; hier betrug der Gewinn lediglich 1.800 KGS.“

Denis Krasnojonov freut sich über den Erfolg der Entwicklungspartnerschaft: „Die kirgisischen Landwirte haben erstmalig den Baldriananbau kennengelernt und damit eine neue, vielversprechende Einkommensquelle gefunden – das wäre ohne das develoPPP.de-Projekt nicht möglich gewesen.

Es ist auch das erste Mal, dass eine kirgisische Firma regelmäßig und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Bäuerinnen und Bauern Waren nach Europa exportiert – und das inzwischen vollkommen selbstständig: Die Kooperation der Partner ist bereits so eingespielt, dass sie ohne die Hilfe der GIZ auskommen. Für uns ist das eine wahre Erfolgsgeschichte.“

Auch Dr. Willmar Schwabe ist zufrieden: Rund 20 Tonnen verarbeitete Baldrianwurzeln bester Qualität bezieht das Unternehmen pro Erntezyklus inzwischen aus Kirgisistan; weitere Investitionen im Bereich Mechanisierung und pestizidfreie Unkrautbekämpfung sind geplant, um sich dem jährlichen Bedarf von 100 Tonnen Qualitätsbaldrian weiter anzunähern.

Daniel Fraas‘ Fazit: „Wir haben im Bereich Rohstoffbeschaffung schon viele Sachen ausprobiert. Von allen Projekten, die ich begleitet habe, war für mich die Entwicklungspartnerschaft mit develoPPP.de das Beste.“

Zahlen | Daten | Fakten

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Tonnen
Qualitätsbaldrian werden jährlich an Schwabe exportiert.
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Bauern
haben am Trainingsprogramm teilgenommen.

Einkommen

Durch die langfristigen Lieferverträge sichern sich die Bauern ein höheres Einkommen.

Absatzmarkt

Die Zusammenarbeit mit Schwabe ermöglicht dem lokalen Unternehmen Galenpharm den Export nach Europa.