Deutsche Prothesen für Vietnam

Rund acht Millionen Vietnamesen haben eine körperliche Behinderung. Grund für diese hohe Zahl sind oft Verletzungen aus der Zeit des Vietnamkrieges, verursacht durch Granatsplitter, Minen und andere Sprengkörper. Doch auch Verkehrsunfälle gehören zu den Hauptursachen: Insbesondere in Großstädten wie Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt ist die Situation auf den Straßen prekär; sie sind überfüllt und unübersichtlich, Fahrspuren werden frei gewählt. So kommt es in Vietnam regelmäßig zu schweren Verkehrsunfällen mit bleibenden körperlichen Schäden als Folge.

Der Bedarf nach professionellen Prothesen und Orthesen in Vietnam ist entsprechend hoch. Doch die Versorgung mit hochwertigen Implantaten ist unzureichend. Gleichzeitig wird das Ausbildungsniveau vietnamesischer Ärzte der anspruchsvollen modernen Medizintechnik nicht gerecht.

Die Intercus GmbH, ein erfahrener Hersteller von Prothesen und Orthesen, erkannte die Chance, in den schnell wachsenden vietnamesischen Markt für Medizintechnik einzusteigen.

2010 wagte das Unternehmen den Schritt in das asiatische Land – doch dieser verlief schwieriger als gedacht: „Wir haben ziemlich schnell gemerkt“, erzählt Thomas Busch, Geschäftsführer von Intercus, „dass wir mit unserem fortgeschrittenen deutschen Erkenntnisstand gar nicht so leicht in Vietnam punkten können. Was für uns in Europa Basics sind, ist für die Vietnamesen oft noch Neuland.“ Um die hochwertigen deutschen Implantate richtig einzusetzen, fehlte es den vietnamesischen Ärzten schlicht an medizintechnischem Verständnis.

Die Firma musste handeln. Intercus entschied sich für eine Entwicklungspartnerschaft mit der DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH, die das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über das develoPPP.de-Programm möglich macht.

Ziel von Intercus und DEG ist die Ausbildung vietnamesischer Orthopäden und Unfallchirurgen, um beeinträchtigte Personen nachhaltig und professionell zu versorgen. Gleichzeitig sollen die lokalen Ärzte die Intercus-Produkte nutzen und schätzen lernen. Kern der Partnerschaft ist die Eröffnung zweier Trainingszentren in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt – die DEG macht sie mit develoPPP.de-Mitteln möglich.

Unterstützung erhalten Intercus und DEG von der örtlichen Consulting-Firma Hanoi IEC. Als Partner der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen ist sie Spezialistin im Bereich Wissens- und Technologietransfer von Deutschland nach Vietnam und war die erste Anlaufstelle für den Mittelständler Intercus.

Über die Zusammenarbeit sagt Geschäftsführerin Nguyen Thi Thanh Tam: „Ich habe bereits ein paar develoPPP.de-Projekte begleitet und war sofort von der Idee überzeugt, Fachkräfte im Bereich Traumatologie weiterzubilden. Heute sind wir lokaler Vertriebspartner von Intercus und helfen dabei, die Trainingsaktivitäten zu organisieren. Auch zu den Provinzkrankenhäusern nehmen wir Kontakt auf, um Ärzte außerhalb der Großstädte zu erreichen.“

Das erste Trainingszentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie in Hanoi wurde bereits eröffnet – in einem eigens eingerichteten Produkt-Showroom kann Intercus dort seine Produkte präsentieren und in Workshops einsetzen. Das zweite Trainingszentrum wurde im Büro von Hanoi IEC in Ho-Chi-Minh-Stadt gegründet und soll bald erweitert werden.

Über 35 fachspezifische Schulungen mit deutschen und vietnamesischen Traumatologie-Experten wurden in den Trainingszentren sowie abgelegeneren Gegenden Vietnams organisiert. 19 vietnamesische Professoren und Ärzte haben darüber hinaus an Trainings in deutschen Krankenhäusern teilgenommen.

„Wenn man eine erfolgreiche Behandlung will, sind drei Aspekte ausschlaggebend“, weiß Luu Hong Hai. „Erstens: hochwertige Implantate. Zweitens: ein umfassendes Instrumentarium. Und drittens: qualifiziertes Personal – von den Deutschen können wir hierbei viel lernen.“ Der Professor ist ehemaliger Leiter des Instituts für Orthopädie und Traumatologie am Militärkrankenhaus „108“ im Norden Vietnams. Als Experte auf seinem Fachgebiet genießt er einen guten Ruf im ganzen Land.

Intercus und DEG konnten Professor Hai als Partner für ihre Trainings gewinnen: Er begleitete das Projektteam auf ihren Reisen in vietnamesische Provinzen und schulte angehende Fachärzte in innovativen Operationstechniken.

Dabei legte der Professor seinen Schülern auch den Einsatz der hochwertigen Intercus-Produkte ans Herz. „Es gibt natürlich auch andere Anbieter“, so Thomas Busch, „Billigimporte aus China und Indien etwa. Die Herausforderung bestand darin, den Vietnamesen deutlich zu machen, dass bessere Qualität eben auch höhere Preise verlangt – denn Patientensicherheit lassen wir uns einiges kosten.“

Nguyen Ngoc Linh ist bereits überzeugt: „Die Produkte von Intercus sind sehr weit entwickelt. Technik, Design, Qualität – alles stimmt.“ Der 26-jährige ist Chefoperationstechniker an drei Krankenhäusern in Vietnam und spricht aus Erfahrung. „Die Platten bestehen aus Titan – das sicherste Material für Implantate, da es absolut neutral ist. Es trägt zu einer schnelleren Heilung bei und ist somit optimal für die Patienten.“

Auch Nguyen ließ sich von Intercus zum Trainer schulen; unter anderem ermöglichte ihm das Projekt einen zweiwöchigen Aufenthalt in Deutschland. Heute gibt er sein Wissen laufend an andere weiter – denn als Operationstechniker begleitet und überwacht er regelmäßig Operationen von Kollegen.

Prof. Xuan Thuy ist ein weiterer Schulungspartner von Intercus und weiß, wie wichtig eine gründliche Ausbildung ist – gerade im Bereich der Medizin: „Oft kommen neue Firmen ins Land und wollen uns ihre Produkte verkaufen. Aber ohne das entsprechende Know-how und den Wissenstransfer können die Produkte noch so gut sein – wir können sie nicht nutzen. Daher ist diese Entwicklungspartnerschaft sehr sinnvoll. Durch sie bekommen wir nicht nur hochwertige Implantate, sondern können durch die neuen Operationskenntnisse das vietnamesische Medizinwesen nachhaltig positiv verändern.“

Die umfangreiche deutsch-vietnamesische Vernetzung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor des Projektes. Sie wurde auch mithilfe der Kontakte der DEG ermöglicht. Busch sagt: „Ich freue mich über die vielen jungen Leute und renommierten Professoren, die uns unterstützen. Sie sind für uns wichtige Multiplikatoren. Wir profitieren schon jetzt von dem besonderen Vertrauensverhältnis; alle sind mit Spaß und Freude an der Sache und tragen das mit jeder Operation nach außen.“

Um die Beziehungen noch weiter zu festigen, wollen die Projektpartner im nächsten Schritt einen deutsch-vietnamesischen Fachverband für Orthopädie und Traumatologie auf den Weg bringen. Die Vorbereitung ist bereits angelaufen, nur letzte bürokratische Hürden müssen genommen werden.

Auch Tam von Hanoi IEC zieht eine positive Bilanz: „Wir haben mit dem ersten Trainingszentrum einen Platz geschaffen, der sich allmählich als Anlaufpunkt etabliert. Die Ärzte, unsere Kunden, sind inzwischen bereit, für das Training zu bezahlen. Wir sind daher zuversichtlich, dass das Zentrum auch ohne externe Finanzierung nach Projektende auskommen wird.“

Über develoPPP.de sagt sie: „Die Privatwirtschaft ist unersetzlich in der Entwicklungszusammenarbeit, denn nur sie verfügt über hochspezialisiertes Know-how, wie Intercus im Bereich der Medizintechnik, das das Leben von Millionen von Menschen erleichtern kann. Mit einem Programm wie develoPPP.de kann man es für möglichst viele von ihnen nutzbar machen.“

In Bad Blankenburg läuft die Produktion bei Intercus derweil auf Hochtouren. Thomas Busch ist zufrieden: „Das Projekt wird teilweise gefördert, aber es ist auch ein nicht unerheblicher Eigenanteil dabei. Umso schöner ist es, dass wir erste wirtschaftliche Effekte sehen“, so der Geschäftsführer. „Ich erkenne jetzt schon, auch an den Umsatzzahlen, dass wir auf einem sehr guten Weg sind – nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Es gibt ein chinesisches Sprichwort: ‚Was man gehört hat, vergisst man; was man gelesen hat, behält man; und was man getan hat, kann man‘. Zu diesem Können, der operationstechnischen Expertise, haben wir in Vietnam nachhaltig beigetragen.“

Zahlen | Daten | Fakten

0
Schulungen durchgeführt.

Ausbildung

Zwei Trainingszentren mit Produkt-Showroom und Trainings-Workshop für Orthopädie und Unfallchirurgie wurden gegründet.

Neue Produkte

Die Produkte von INTERCUS und weiteren zuliefernden Medizintechnik-Firmen sind erfolgreich auf dem vietnamesischen Markt eingeführt.